Trauer um «Rocky»: Berlins Boxer-Herz mit Schnauze stirbt bei Unfall

Die deutsche Box-Welt, einstige Rivalen und seine Heimatstadt Berlin trauern um Graciano Rocchigiani. Der einstige Weltmeister stirbt mit nur 54 Jahren bei einem Verkehrsunfall auf Sizilien.

DBV-Präsident Jürgen Kyas zeigte sich betroffen von dem plötzlichen Tod von von Graciano Roccigiani. “Ich bin sehr traurig und spreche seiner Familie für den DBV und persönlich unser tief empfundenes Beileid aus”.

Mit freundlicher Genehmigung der DPA veröffentlichen wir den nachstehenden Bericht:

Berlin/Rom (dpa) – Das Herz eines Boxers, das hatte Graciano Rocchigiani wie kaum ein anderer. Das Talent, um eine Weltkarriere wie Max Schmeling zu starten, bescheinigten dem Berliner mit der großen Schnauze so manche Experten. Doch Rocchigiani verlor auf oft unglückliche Weise zu viele Kämpfe, auch außerhalb der Ringseile. Sein Unfalltod auf einer Schnellstraße in Sizilien beendete am Montagabend das wechselvolle Leben des Ex-Weltmeisters. Und auf tragisch-bittere Weise passte das Ende wohl zu dem 54-Jährigen, der im Berliner Dialekt den Spitznamen «Grazze» weg hatte und für alle anderen nur «Rocky» hieß – wie der unbeugsame Filmheld.

Warum und unter welchen Umständen er in dem Ort Belpasso bei Catania am Montagabend kurz vor Mitternacht auf der mehrspurigen Staatsstraße SS121 zu Fuß unterwegs war, ist von der italienischen Polizei noch nicht geklärt. Ein Smart, gesteuert von einem 29-Jährigen aus Catania, überfuhr Rocchigiani, der sofort tot war. Bei dem Fahrer sei alles ordnungsgemäß gewesen, hieß es am Mittwoch aus Polizeikreisen.

Noch vor seinem 50. Geburtstag hatte Rocchigiani Ende 2013 eine positive Bilanz gezogen. «Ich habe alles in allem ein schönes, erfolgreiches Leben. Ich bin im Prinzip ein Sonntagskind, habe 50 Jahre auf der Überholspur gelebt. Die 22 Monate im Knast habe ich vielleicht auch verdient», sagte er damals der Deutschen Presse-Agentur.

Sein einstiger Rivale Henry Maske zeigte sich von der Todesnachricht betroffen. «Die Nachricht hat auch mich, wie sicher sehr viele kalt erwischt. Ich habe weiche Knie bekommen. Das war doch viel zu früh. Was das wirklich bedeutet, merkt man ja erst im Zuge der Zeit», sagte Maske am Mittwoch der dpa. Rocchigiani hätte nie unter der Gürtellinie geschlagen. «Für ihn als Sportler galt das im sprichwörtlichen wie auch im tatsächlichen Sinne.»

«Es tut mir so leid, dass er so jung sterben musste. Eine Tragik», sagte sein früherer Manager Wilfried Sauerland. Der Promoter hatte Rocchigiani einst so charakterisiert: «Er war der talentierteste Boxer in den letzten 30 bis 40 Jahren in Deutschland, vom Talent höher einzuschätzen als Henry Maske.»

1988/89 war Rocchigiani Weltmeister im Supermittelgewicht, von 1998 bis 2000 im Halbschwergewicht. In dieser Gewichtsklasse lieferte er sich unvergessene Duelle mit Henry Maske und Dariusz Michalczewski, in denen er sich angesichts der Niederlagen immer wieder verschaukelt fühlte und dies deutlich aussprach. «Allet Beschiss, allet Schweine», polterte er nach einem Kampf gegen Michalczewski, den er schon vorher beschimpft hatte.

Michalczewski sagte der «Bild» am Dienstag, die beiden seien anders gewesen und in gewissen Dingen doch ähnlich. «Wir standen 24 Runden im Ring, haben hart um den Sieg gekämpft. Das verbindet und wir entwickelten so Respekt füreinander.» Maske beschrieb das ähnlich: «Wir haben miteinander ganz besonders intensive Momente durchlebt.» Nachdem beide lange Zeit privat nichts miteinander zu tun hatten, seien sie sich zuletzt ein Stück näher gekommen. «Besondere Erinnerungen habe ich an die Feier anlässlich meines 50. Geburtstages. Da er nur wenige Tage älter als ich ist, hatten wir beide einen Grund uns gegenseitig zu feiern, und das mit vielen gemeinsamen Freuden und Weggefährten. Auch er fühlte sich sichtlich wohl, was mich sehr freute. Wir waren auf Augenhöhe», sagte Maske.

Ex-Schwergewichtler Axel Schulz zeigte sich beeindruckt vom Boxer, Menschen und Freund. «Alle drei Seiten waren beeindruckend», sagte Schulz Focus online. «Das Schlimme ist, dass er gerade auf dem Weg der Besserung war, er war wirklich dabei, sein Leben endlich in den Griff zu kriegen.» Zuletzt war Rocchigiani unter anderem als Experte für den Sender Sport1 tätig.

«Nicht alles glückte ihm im Leben wie im Ring», stellte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller fest. «Dennoch hatten ihn die Berliner ins Herz geschlossen, wegen seiner kantigen, manchmal rauen Art. Wir trauern um einen Boxer mit großem Herz.»

Die Karriere von Profiboxer Graciano Rocchigiani

Größte Erfolge:

  1. März 1988, Düsseldorf, IBF-Weltmeister im Supermittelgewicht nach Sieg gegen Vincent Boulware (USA) durch technischen K.o., drei erfolgreiche Titelverteidigungen
  2. März 1998, Berlin, WBC-Weltmeister im Halbschwergewicht nach Punktsieg gegen Michael Nunn (USA)

Letzter Profikampf:

  1. Mai 2003, Stuttgart, Niederlage gegen Thomas Ulrich nach Punkten

Kampfrekord: 48 Kämpfe, 41 Siege

Nach der Boxkarriere: Betreiber von Rocky’s Gym in Duisburg-Neudorf, Trainer, TV-Experte beim Sender Sport1

Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Hamburg, www.dpa.de

Foto: © Boxen1.com, Fotograf:Torsten Helmke