DBV-Sportdirektor prüft Profi-Boxer bei Olympia

v.r. Michael Müller mit DBV-Vize Finanzen Erich Dreke und Präsident Jürgen Kyas

v.r. Michael Müller mit DBV-Vize Finanzen Erich Dreke und Präsident Jürgen Kyas

Der olympische Welt-Boxverband AIBA hat grünes Licht für die Teilnahme der Professionellen Faustkämpfer bei den Olympischen Spielen gegeben. Auf einer Sitzung in Manchester stimmten über 80 Prozent der 197 nationalen Verbände für die Aufhebung aller Beschränkungen.
Politisches Kalkül der AIBA, oder Krönung des Champs aller Champs? Michael Müller ist der Sportdirektor und Generalsekretär des Deutschen Boxsportverbands. Seit 2010 hält er den DBV auf Kurs. Im Interview nahm Müller zu dem AIBA Beschluss Stellung und ging keiner kritischen Frage aus dem Weg geht.

Herr Müller, die Entscheidung der AIBA, Profis zu den olympischen Spielen zuzulassen, schlug ein wie eine Bombe. Was will die AIBA damit erreichen?

Müller: Die AIBA will zu den olympischen Spielen die besten Athleten zusammenbringen, und dazu gehören auch Profis.
Das ist schon längst überfällig. Schauen sie einmal, wer bei Olympia im Eishockey, oder im Basketball mitspielt. Ich erinnere mich an Barcelona 1992. Da nahm das Dream Team der Amerikaner teil, gespickt mit Stars aus der NBA, allen voran Air Jordan. Das ist jetzt fast 25 Jahre her. Und nicht nur Eishockey und Basketball haben sich für den Profisport geöffnet. Ich könnte jetzt viele Verbände aufzählen, die es gleichtun.
Selbstverständlich halten wir auch Kontakt zu den Berufsboxern und ich kann ihnen versichern, dass deren Interesse groß und ungebrochen ist, bei Olympia dabei zu sein.

Jetzt sind die nationalen Verbände gefordert.

Müller: Das ist richtig. Der DBV hat seine Hausaufgaben erledigt und sich für eine Öffnung ausgesprochen, wobei es uns aber wichtig ist, das es für die Teilnahme klare Regeln geben muss.

Die Öffnung gilt bereits 2016 für die olympischen Spiele in Rio. Hat die AIBA dem DBV damit einen Bärendienst erwiesen?

Müller: Wie meinen Sie das?

Machen wir einmal ein kleines Gedankenspiel. Ein Profi-Weltmeister aus einem der großen Weltverbände würde sagen „Ich möchte für Deutschland boxen“. Wie geht’s dann weiter?

Müller: Zuerst prüft der DBV intern die Rahmenbedingungen.
Wenn die Prüfungen ohne Beanstandung verlaufen, kommt es zur nationalen Ausscheidung zwischen dem besagten Weltmeister und dem besten deutschen APB-Boxer.
Der Sieger des Kampfes wird zum APB/WSB Qualifikationsturnier gemeldet, das im Mai in Sofia stattfinden wird. Schafft er es dort aufs Treppchen, startet er in Rio.

Darf sich jetzt jeder, der für Geld boxt, beim DBV melden und sagen „Hoppla, hier komm ich?“

Müller: Nein, er muss derzeit unter den ersten acht in einem der vier großen Profiverbände gerankt sein.
Weiterhin muss er schon einmal olympisch geboxt haben und sich idealer Weise bei einer nationalen Meisterschaft entsprechend platziert haben.

Die Vorbereitungen für Rio laufen auf Hochtouren. Wie wollen sie die Berufsboxer noch einbauen?

Müller: Nach der erfolgreichen Nominierung durch den DOSB trainieren die Profis gemeinsam mit unseren olympischen Boxern unter der Leitung des jeweils verantwortlichen DBV-Trainers. Da sehe ich überhaupt keine Probleme.

Promoter Sauerland hält die Teilnahme an olympischen Spielen als Rückschritt für renommierte Profi-Weltmeister: „Olympia ist ein Sprungbrett. Profiboxen ist ein Schritt nach oben“, war z.B. auf tagesspiegel.de zu lesen. (http://www.tagesspiegel.de/sport/boxen-auch-profis-duerfen-zu-olympia/13018168.html)
Was würden sie Herrn Sauerland antworten?

Müller: Nach wie vor gilt für alle Sportarten, die bei den olympischen Spielen vertreten sind, dass olympisches Gold das höchste und wertvollste ist, was ein Sportler erreichen kann. Das hat sich seit der Antike nicht geändert.

Marco Huck könnte sich vorstellen, bei den olympischen Spielen in Rio für Deutschland zu starten. Nach seinem Sieg gegen Afolabi ist er neuer IBO-Weltmeister im Cruisergewicht. Das wäre doch eine tolle Sache.

Müller: Das Schwergewicht ist besetzt. David Graf hat sich bereits qualifiziert.

Die Teilnahme der weltbesten Profis an den olympischen Spielen wäre schon krass. Endlich könnte man die Champs aller Champs ausboxen. Aber mal ehrlich, gefährdet man dadurch nicht den Stellenwert der Weltmeisterschaften?

Müller: Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die olympischen Spiele gibt es nur alle vier Jahre und die Weltmeisterschaft alle zwei Jahre. Da beißt sich rein gar nichts.

Zu guter Letzt: Was bringt der diesjährige Chemiepokal dem DBV?

Müller: Das Hallenser Kultturnier ist ein wertvoller Aufbauwettkampf für Rio. Hier kann man prüfen, wo man international steht. Das gilt nicht nur für Deutschland, das gilt für die ganze Welt. Und das wissen die Boxnationen. Die Meldungen bestätigen dies. Stand heute wurden 120 Athleten aus 20 Nationen gemeldet. Letztes Jahr waren es 85 Boxer aus 15 Nationen. Das unterstreicht die Wertigkeit des Chemiepokals und verspricht vier Tage Boxsport auf Weltklasseniveau.

Herr Müller, ich bedanke mich für das Gespräch.

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